22 August, 2013

Reine Nervensache: Radfahren auf dem Weg zur Arbeit ins Stadtzentrum

Matter of Sheer Nerve: Cycling to Work in Hamburg


Velorouten 5 und 6 An der Alster: Dichter Verkehr auf dem Zweirichtungsradweg - © Stefan Warda
Cycle routes 5 and 6 along An der Alster: Much traffic on the bidirectional cycle track

Radfahren wird in Hamburg immer beliebter, trotzdem die Stadt wenig zur Verbesserung der engen und gefährlichen Radwege beiträgt. Laut der Wirtschafts- bzw Baubehörde soll die Zahl der Radfahrer an den Zählstellen im Stadtgebiet im Zeitraum von 1990 bis 2010 um 50 % zugenommen haben. Im gleichen Zeitraum soll der Autoverkehr um 5% abgenommen haben. Leider sind die meisten Radwege bislang nicht an die heutigen und noch zu erwartenden Verkehrsmengen angepasst worden, darunter auch der Radweg an der Außenalster. Zwar hat es morgens auf dem Weg in die Innenstadt rund um die Alster keine derart langen und dichten Radler-Kolonnen wie in Kopenhagen, jedoch bildet sich entlang der Außenalster ein kontinuierlicher Radlerstrom.

Reine Nervensache: Radeln bei Gegenverkehr um die unübersichtlichen Kurven auf dem verkehrseichen Radweg an der Außenalster - © Stefan Warda

Fast alle Radler haben es eilig auf dem Weg zur Arbeit, und ist unter den Pulks eine gemütliche Radlerin unterwegs verursacht diese einen langen Rückstau. Angesichts der vielen nicht einsehbaren Kurven und des Gegenverkehrs sind Überholversuche lebensgefährlich. Doch immer wieder versuchen einige Radler auszubrechen. Wer gerade im Zickzack eine weitere Kurve um das fortlaufende Gebüsch nimmt und dann plötzlich zwei nebeneinander fahrende Radler auf sich zufahren sieht, der muss die Nerven behalten. Platz zum Ausweichen bietet der Zweirichtungsradweg im Verlauf der geplanten Velorouten 5 und 6 leider nicht. Zwischendurch weichen nebenbei immer wieder noch gehetzte Jogger auf den Radweg aus und bremsen die Radlerkolonnen aus. Um die Anspannung auf den Radwegen in die Innenstadt mit den Worten des verantwortlichen Senators zu beschreiben:
 Wir sind nicht Freiburg, also keine reine Fahrradstadt.
We are not Freiburg, so not a pure city of cyclist.

Langsame Radler können angesichts der vielen unübersichtlichen Kurven nicht überholt werden - © Stefan Warda

 Was mag Herr Horch damit wohl gemeint haben? Freiburg ist schließlich keine reine Fahrradstadt, aber was ist dann Hamburg? Radler an der Außenalster haben morgens und nachmittags sicherlich das Gefühl in einer autogerechten Stadt zu radeln, aber das wollte der Verkehrssenator so wohl nicht gegenüber dem Abendblatt sagen. Trotz Abnahme des Autoverkehrs wurde unter dem CDU-Senat die Kreuzung Ferdinandstor noch autogerechter ausgebaut mit einem weiteren für Radfahrer gefährlichen freien Rechtsabbieger vor der Kunsthalle. Entlang des Glockengießerwalls Richtung Lombardsbrücke müssen Radfahrer seitdem einen Haken schlagen vor der Motorhaube der anrollenden Autos.


Reine Nervensache: Überholen auf den geplanten Veloroute 5 / 6 An der Alster - © Stefan Warda

Laut Zählungen der Wirtschaftsbehörde sind auf dem engen und unübersichtlich verwundenen Zweirichtungsradweg am Straßenzug An der Alster bis zu 10.900 Radfahrer je Tag unterwegs. Damit ist dies der am stärksten belastete Radweg der Stadt, und in den letzten zwanzig Jahren nicht einmal verbreitert worden. Der Radweg misst dort je nach Unterhaltungszustand in der Breite zwischen 1,1 und 2,5 Meter. Eine neue niederländische Studie zur Sicherheit von Radwegen empfiehlt für einnerstädtische Einrichtungsradwege eine Mindestbreite von 2,25 Meter. Die Radwegbreite sollte also verdoppelt werden um heutige Sicherheitsstandards und das Verkehrsaufkommen zu bewältigen. Die Leistungsfähigkeit des Radwegs ist längst überschritten: Für Überholvorgänge weichen Radler derzeit häufig auf den Gehweg aus.


Reine Nervensache: Entgegenkommende Radler an der Kennedybrücke - © Stefan Warda

Die lange Kette der Radler Richtung Innenstadt wird am Ferdinandstor durch die Ampeltaktung unterbrochen. Bei einer Grünphase strömen dann bis zu zwanzig Radler kreuz und quer über Rad- und Gehwege sowie Zebrastreifen Richtung Binnenalster. Wenn die Radler am Ferdinandstor Richtung Stadtzentrum Grün haben ist jeweils die Radler-Furt von wartenden Autos blockiert. Die stehen morgens auf dem freien Rechstabbieger permanent dem Radverkehrsfluss im Weg - ein Tribut an die autogerechte Stadt. Und weiter geht es im Pulk auf Rad- und Gehweg zur Binnenalster - und die Polizei schreibt keinen Gehwegradler auf. Der Radweg fasst die Menge der Radfahrer nicht, sich kreuzeunde Radfahrer blockieren sich gegenseitig und die absurde Linienführung des Radweges entspricht nicht der Fahrdynamik der Radfahrer. Nur bei Gehwegen ohne parallele Radwege müssen sich Radfahrer in Hamburg vor der Polizei in acht nehmen.


"Kampfradeln" im Berufsverkehr: Der Radweg An der Alster / Kennedybrücke ist zu schmal für Überholvorgänge - © Stefan Warda

Geplante Velorouten 5 /6, Kennedybrücke / Ferdinandstor: Gehwegradeln bleibt unausweichlich angesichts des zu schmalen Zweirichtungsradweges - © Stefan Warda

Ein schlechter Scherz: Zweirichtungsverkehr am Ferdinandstor bei einer Breite von nur 1,1 Metern im Verlauf der geplanten Velorouten 5 und 6 am Ferdinandstor - © Stefan Warda
Bad joke: Bidirectional cycle track with 1.1 meter

"Kampfradler" auf dem Weg zur Arbeit an der Kreuzung Kennedybrücke / Ferdinandstor: Würden sich alle Radler hier regelkonform auf den Radweg stellen, wäre dieser entlang An der Alster - Kennedybrücke blockiert. Abbiegespuren und Aufstellflächen gibt es nicht. So verteilen sich die Radler auf dem Gehweg - Fehlverhalten wird durch mangelhafte Infrastruktur antrainiert - © Stefan Warda

Zum vorherigen Bild: Würden die abbiegenden Radler nicht nebenander auf dem Gehweg beim Rotlicht warten, würden sie den Radweg für den Geradeausverkehr blockieren. Abbiegspuren gibt es in Hamburg nur für den Autoverkehr - nicht für den Radverkehr. Fehlverhalten vorprogammiert - © Stefan Warda

"Kampfradeln" am Ferdinandstor: Wartende Autos auf dem freien Rechtsabbieger blockieren regelmäßig den Radverkehrsfluss im Verlauf der Velorouten 5 und 6 Richtung Innenstadt. Die ungenügende Breite und die an die Fahrdynamik nicht angepasste Linienführung führt zu Gehwegradeln - © Stefan Warda


"Kampfradeln" am Ferdinandstor: Kreuzende Radverkehre blockieren sich gegenseitig, der schmale Radweg genügt nicht den Anforderungen - © Stefan Warda

Velorouten 5 und 6 - An der Alster / Ferdinandstor
Zukünftige Velorouten 5 und 6: Horrorradweg an der Außenalster


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Kommentare:

  1. Katastrophale Strecke - dabei wäre es an der Alster so schön, und Platz ist auch genug da.

    Schön zusammengefasst. Eigentlich sollte man so etwas mal als kleine Anfrage an den Senat stellen wäre doch mal was, Herr Wanker - ach nein, der schlägt sich lieber mit "Aggro-Bikern" herum.

    Michael S.

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    1. lol, sie kennen Wörter ;-)
      Der Aggro-Frager heisst Wankum.

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  2. Warum müssen die Leute auf der Strecke so rasen und wie der Typ in der braunen Lederjacke in der unübersichtlichen Kurve überholen ? In Amsterdam und Kopenhagen fahren meist Hollandräder und eher gemächlich. Kaum Drängeln oder Überholen. Das istauch auf vollen Radwegen entspanntes Radeln.

    Allgemeine Rücksichtname ist angesagt.

    Wie bei den rasenden Autofahrern ist der Zeitgewinn durch die Dränglei minimal. An der nächsten Ampel sieht man sich wieder.

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  3. Alle Radfahrer in der Schlange inklusive mir haben die vorausfahrende sehr langsame Radlerin überholt, bei der nächsten Möglichkeit auf gerader Strecke ohne Gegenverkehr.

    Nach meinen langjährigen Erfahrungen wird in Kopenhagen deutlich schneller Rad gefahren als in Hamburg. Auch dort gibt es Unterschiede beim Tempo, vor allem zwischen Radfahrern mit Rennrädern auf dem Weg zur Arbeit und solchen mit Cargobikes. Doch lässt es sich viel leichter überholen, weil Radwege in aller Regel mindestens die doppelte Breite der Hamburger Radwege haben.
    Kopenhagen unterstützt übrigens das "Rasen". Die Grüne Welle auf Radwegen ist eingerichtet für Tempo 20 km/h. Das liegt weit höher als übliche Geschwindigkeiten, die auf Hamburger "Radwegen" möglich sind.

    Generell können sich Radfahrer auf Kopenhagener Radwegen immer überholen oder nebeneinander fahren. Will jemand zwei nebeneinander Radelnde überholen wird kurz geklingelt.

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