05 Dezember, 2013

Sand oder Salz? - Winterdienst auf Radwegen

Sand or Salt? - Snow Clearing on Cycle Paths


© hamburgize.com / Stefan Warda
Malmö im März 2013 bei eisigem Wind: Die Radwege sind befahrbar und werden genutzt Dank Salzeinsatz

Immer mehr Menschen fahren in Deutschland im Winter mit dem Rad. Noch haben sich viele Kommunen nicht darauf eingestellt. Welche Lösungen gibt es für optimale Radverkehrsbedingungen bei Schnee und Eis? Beispiele aus dem In- und Ausland zeigen Möglichkeiten.
More and more Germans cycle during winter. Still many cities are not adjusted to cycling in winter. Which solutions are known for optimal cycling with snow and ice? Here some best practice examples.


In Bremen gibt es unterschiedliche Auffassungen über den sichersten Winterdienst auf Radwegen. Die Stadt vertritt die Position auf Salz nahezu überall zu verzichten, einige ausführende Räumdienste vertreten eine andere Position. Jürgen Falldorf vom Umwelt und Verkehrssenator erklärte in der taz die Ausnahmemöglichkeiten.

Salz dürfe nur in besonderen Fällen verwendet werden, bei Steigungen oder Brücken beispielsweise.

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Norderstedt: Salzablagerungen auf dem Radweg Ulzburger Straße im Februar 2013


In Norderstedt soll auch im kommenden Winter auf vielen Radwegen ein Winterdienst erfolgen. Trotz Kritk soll wie im vergangenen Winter Salz angewendet werden, um die Radwege bei Schnee und Eis befahrbar zu halten. Laut ADFC Norderstedt erfolgte während des letzten Winters erstmalig ein Winterdienst auf Radwegen entlang von 89 Straßen.


© Rolf Jungbluth
Norderstedt: Ohechaussee im Dezember 2012



Winterdienst-Test in Kopenhagen und Malmö im März 2013


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Das Testradl mit Winterbereifung morgens früh in Kopenhagen


In Kopenhagen, wo an Winterwettertagen immerhin noch 80% der Schönwetterradler unterwegs sind, wird grundsätzlich auf Salz gesetzt. Der Winterdienst auf Radwegen geniesst allerhöchste Prioritätsstufe. Dadurch sind die Radwege schnell und dauerhaft einsatzbereit. Der dreistufige Winterdienst auf Radwegen besteht aus Räumen, Bürsten und Salzen. Damit Bäume keinen Schaden nehmen hat es in Kopenhagen besondere Baumschutzeinrichtungen. Im winterlichen März 2013 waren Kopenhagens Radwege benutzbar.


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Kopenhagen: Fahrradwetter im März 2013

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Kopenhagen: Frühmorgens nach leichtem Schneefall

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Kopenhagen, frühmorgens nach leichtem Schneefall

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Kopenhagen, frühmorgens nach leichtem Schneefall

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Kopenhagen vor dem Hauptbahnhof

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Kopenhagen, Pendlerverkehr

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Kopenhagen, grüne Veloroute

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Kopenhagen, grüne Veloroute

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Kopenhagen, Winterdienst auf Veloroute

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Kopenhagen: Baumschutz gegen Salz

http://kbhkort.kk.dk/
Winterdienstkarte für Kopenhagens Radwegenetz [www.kk.dk]





In Malmö soll es auf einem Netz von rund 600 Radwegkilometern Winterdienst geben. Unterteilt in Prioritätsstufen 1 und 2 sollen allein 384 Kilometer Radwege vordringlich behandelt werden. Im Vergleich zu Hamburg hat Malmö lediglich 300.000 Einwohner. Bei gleichem Verhältnis zwischen Radwegwinterdienst und Einwohnerzahl müsste der Winterdienst in Hamburg auf 3.600 Radwegekilometern erfolgen. Anders ausgedrückt ist Hamburgs angekündigte Winterdienstbemühung um den Faktor 24 schlechter als in Malmö. Malmö gilt als radfahrerfreundlichste Stadt Schwedens. Zu Frühlingsbeginn im März 2013 waren bei Windböen und leichtem Schneetreiben mehr Radfahrer im Stadtbild präsent als bei vergleichbarem Wetter in der früheren "Umwelthauptstadt" Hamburg. Malmös Radwege waren fast ausnahmslos befahrbar.


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Malmö: Mittags in der Innenstadt

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Malmö:Radweg entlang einer Ausfallstraße

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Malmö:

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Malmö, grüne Veloroute

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Malmö, frei geräumte Kreuzungsflächen

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Malmö, frei geräumte Straßenkreuzung

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Malmö, Salz auf Radweg


In Hamburg sind an Schnee- und Eistagen nur noch gefühlte 5% der Schönwetterradler unterwegs. Das Problem: Schnee wird auf die Radwege geschoben, bei einsetzendem Tauwetter schmilzt der Schneehaufen leicht an, sackt zusammen und gefriert über Nacht zu Eis. Am nächsten Tag geht die Prozedur weiter, sodass die Radler in der Hansestadt von den Winterwettereinflüssen am längsten betroffen sind, selbst wenn schon auf Wiesen kein Schnee mehr zu finden ist. Schnee und Eis halten sich auf "Radwegen" am längsten, und das hält Schönwetterradler besonders lange vom Radeln ab. Im Gegensatz zu Norderstedt, Kopenhagen oder Malmö gibt es Salz prinzipiell nur für Autos.


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Hamburg: Vereister Radweg aus dem Hamburger Radwegwinterdienstprogramm ein Tag nach dem Aufenthalt in Kopenhagen / Malmö


Der "Winterdienst" auf Hamburgs Radwegen begann im Winter 2010/2011. Damals betrug die Länge des Netzes noch 180 Kilometer. Als Streumittel war ausschließlich feinkörniger Kies vorgesehen, falls denn überhaupt geräumt wurde. Mittlerweile soll das Netz für den Radwegewinterdienst nur noch 150 Kilometer betragen. Abweichend von der strengen Lehre konnte im Winter 2012/2013 auf einigen Radwegen die Verwendung von Salz festgestellt werden. Auf den übrigen Radwegen wird bis auf eine Restschneehöhe von etwa 3-5 cm geräumt und feinkörniges abstumpfendes Material auf die Restschneefläche gestreut. Die Streckenkarten für das Radweg-Winterdienstprogramm wurde allerdings nicht nach Wegfall von 30 km Radwege angepasst. Welche 30 km Radwege nun nicht mehr versorgt werden ist nicht nachvollziehbar. Ohnehin waren viele der genannten Radwege nicht geräumt worden, sondern der Schnee wurde von anderen Straßenteilen auf die zu räumenden Radwege geräumt. Fragwürdig ist auch der angegebene Winterdienst entlang der Velorouten auf Straßen im Tempo 30-Zonen-Netz. Dort hatte es grundsätzlich keinen Winterdienst gegeben, die Karten zeigen aber Winterdiensteinsätze für Radfahrer an.


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Hamburg: Veloroute 1 am Sievekingsplatz - ein Radweg aus dem Hamburger Radwegewinterdienstprogramm einen Tag nach Aufnahem der Bilder in Malmö und Kopenhagen


Nach drei Wintern mit Radwege-"Winterdienst" fällt die Bilanz nüchtern aus. Das System ist höchst unzuverlässig. Die veröffentlichen Winterdienst-Karten versprechen Leistungen, die nicht vollbracht werden. Die Mehrzahl der angegebenen Radwege wird gar nicht bedient. Die von der Verkehrsbehörde an die Stadtreinigung vergebenen Leistungen werden offenbar nicht auf Einhaltung überprüft. Zudem ist der Einsatz von Feinkies auf Radwegen - falls der Winterdienst tatsächlich tätig war - nicht besonders wirksam. Herr Huber, Amtsleiter für Verkehr in der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation, schien im Januar diesen Jahres immer noch nicht gewusst zu haben, dass der versprochene Winterdienst auf Hamburgs Radwegen nicht funktioniert. Auf der Veranstaltung "Warum kann Hamburg nicht Fahrrad?" bei der Patriotischen Gesellschaft äußerte er sich vollen Lobes für den angeblichen Winterdienst auf Hamburgs Radwegen. Seine Beantwortung einer Publikumsfrage bestätigte, dass der Amtsleiter zwar vom beabsichtigten Winterdienstprogramm auf Radwegen unterrichtet war, aber weder auf Hamburger Radwegen bei winterlichen Verhältnissen geradelt, noch über die nicht erbrachten Leistungen der Stadtreinigung unterrichtet war. Bleibt folgende Frage offen: Warum will Hamburg nicht Winterdienst für Radfahrer?

Für heute abend ist der erste Schneefall für den neuen Winter angesagt. Müssen Radfahrer wie üblich auf Fahrbahnen ausweichen oder sind die Radwege im Winterdienstprogramm befahrbar?



Mehr . . . / More . . . :

Mehr zum Aufenthalt in Kopenhagen im März 2013:
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Kommentare:

  1. Na Klar ab auf die Strasse. Hauskrankenpflege bei jedem Wetter ausschließlich mit dem Fahrrad (durchschnittlich 25-40km). Kann das ganze nur zynisch nehmen und weiter fahren. Wünsche mir die Begleitung wahlweise von unserem 1. Bürgermeister oder dem Verkehrssenator (darf gerne ein Pedelec nehmen) mit Einführung in den Radfahreralltag in der Hansestadt. Besondere Schwerpunkte: benutzungspflichtige Radwege mit & ohne Kampfparker (danke für den Begriff!), Verkehrsführung und Bettelampeln und und und.

    Noch keine Spikes aufgezogen, lohnt morgen wahrscheinlich noch nicht…

    R.

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  2. Ich fahre ganzjährig. Der Tipp, ausgerechnet bei Schnee auf die Fahrbahn auszuweichen, kann nun wirklich nur von Schönwetterradlern kommen.
    Zufall Googeln Stade 2010:
    "Die hohen Unfallzahlen der Wintermonate haben erfreulicher Weise nicht zu einem adäquaten Anstieg der Unfallfolgen geführt. Schnee- und Eisglätte führen zwar zu mehr Karambolagen, jedoch mildert das witterungsbedingt niedrige Geschwindigkeitsniveau das Ausmaß der körperlichen Unfallschäden."
    Das gilt wohl nur, wenn kein Unfallbeteiligter Rad fährt.

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    1. Ich fahre auch ganzjährig, daher im Winter auf der Fahrbahn, anstelle mich als Fußgänger zu betätigen und nebenher mein Radl auf dem geräumten Gehweg zu schieben. Wer fährt denn in Hamburg auf den vereisten "Radwegen", da wo die Schneemassen vom Gehweg und der Fahrbahn aufgehäuft wurden? Mit welchen Spikereifenmodellen ist das denn möglich??

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  3. Ich kann hier nur noch mal meinen Aufruf wiederholen, den ich unter den Beitrag "Warten auf den Winter" geschrieben habe.
    Egal ob Laub, Eis und Schnee auf den Radwegen - Beschwert euch - per Telefon, per Mail, per Brief - beim Wegewart des zuständigen Bezirkamtes, bei der Stadtreinigung, beim Bürgermeister, beim Verkehrssenator und ganz wichtig beim eigenen Bezirksabgeordneten und beim eigenen Wahlkreisabgeordneten der Bürgerschaft (letzteres als Frage formuliert am besten über www.abgeordnetenwatch.de, damit Frage und Antwort öffentlich sind und bleiben.)
    Ich glaube einfach man muss die Politiker so lange nerven, bis sie merken, dass dieses Problem nicht nur wenige Leute betrifft, sondern viele ihrer Wähler.
    Und sollte jemand auf einem schlecht geräumten Radweg stürzen, der zu den 150 km für die Räumung ausgewiesenen Radwegen gehört, und sich dabei verletzen, dann sofort Fotos machen und Anzeige gegen die Stadt Hamburg wegen Versäumnisse der Verkehrssicherungspflicht erstatten und am besten noch die Medien einschalten.
    Wenn man in der Politik was bewirken will, dann muss man zeigen, dass man die Zustände nicht hinnimmt.

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