6. Juli 2015

Hamburg - Geisterradeln wegen schlechter Bedingungen für Radfahrer oder eine Frage der Mentalität?

Hamburg - Cycling on the wrong side of the street due to bad conditions for cyclists or to mentalitiy?


 © hamburgize / Stefan Warda
Wenn schon auf der falschen Seite, warum radelt diese Person nicht oberhalb des Radwegs auf dem viel breiteren Gehweg auf der falschen Straßenseite? Dort würde sie sich und entgegenkommende Radler nicht derartig in Gefahr bringen wie auf diesem schmalen Radweg. Liegt es am schlechten Radweg, der fahrradunfreundlichen Stadt Hamburg, an der Bequemlichkeit und / oder Rücksichtslosigkeit dieser Person?


Geisterradeln ist in Hamburg sehr populär. Die Fahrradstaffel kontrollierte heute am Neuen Pferdemarkt innerhalb einer Stunde allein fünfzig Geisterradler. Laut NDR soll es 2014 wegen "Falschfahrens" 81 Verletzte gegeben haben. Für Radler, die sicher und regelkonform unterwegs sein wollen, sind Geisterradler extrem nervig und ein Sicherheitsrisiko. Für Ulf Schröder, Leiter der Verkehrsdirektion, ist Bequemlichkeit die Ursache für das Geisterradeln. Im Interview des NDR schiebt ADFC-Sprecher Dirk Lau das Phänomen dagegen auf allgemein schlechte Bedingungen zum Radfahren in Hamburg.

Wir bewerten das als ein typisches Symptom einer fahrradunfreundlichen Stadt, einer fahrradfeindlichen Stadt, denn wo gute Radverkehrsbedingungen sind, da werden auch keine Geisterfahrer unterwegs sein. Deswegen hoffen wir natürlich, dass durch den Ausbau Hamburgs zur Fahrradstadt auch dieses Phänomen zur Vergangenheit gehört.

Doch liegt die Ursache allein an schlechten Radwegen oder allgemein schlechten Bedingungen zum Radlen? Selbst auf den vom ADFC befürworteten neuen Radfahrstreifen und der Busspur entlang der Veloroute 1 auf der Feldstraße und dem Neuer Kamp gibt es Geisterradler. Sogar auf den Radstreifen an den Landungsbrücken. Fahren Geisterradler selbst auf engsten Radwegen entgegen der Fahrtrichtung, nur weil Hamburg eine fahrradunfreundliche Stadt ist? Darf ein Radler allein deswegen rücksichtslos gegenüber anderen Radlern und Fußgängern sein, weil er unzufrieden mit der Stadt Hamburg ist? Vielleicht ist die These von Dirk Lau richtig: In Kopenhagen gibt es so gut wie keine Geisterradler. Aber liegt es allein an den Bedingungen für Radler oder doch auch an der Mentalität der Bewohner?


Geisterradeln auf der erneuerten Veloroute 1 - Ausdruck einer fahrradfeindlichen Stadt?

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Geisterradler im Gegenverkehr auf der kombinierten Bus- / Radspur in der Feldstraße. Wie reagiert er, wenn ein Radler und ein überholender Bus entgegenkommen werden?

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Der Radfahrstreifen am Neuen Kamp - eigentlich nicht einmal Platz zum Überholen oder nebeneinander Radeln

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Auch hier gibt es Geisterradler. Wie sollen regeltreue Radler hier bei Gegenverkehr reagieren, wenn auch noch beide Fahrspuren belegt sind?


Geisterradler auf den neuen Radfahrstreifen an den St. Pauli Landungsbrücken - wegen schlechter Bedingungen für Radfahrer?

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Geisterradler auf dem neuen Radfahrstreifen an den Landungsbrücken: Bequemlichkeit / Rücksichtslosigkeit oder Symptom einer fahrradfeindlichen Stadt?

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Geisterradler auf dem neuen Radfahrstreifen an den Landungsbrücken



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Kommentare:

  1. Ein richtig guter Beitrag! Etwas Selbstkritik als Radfahrer steht uns gut an. Ich selbst "verdanke" einem Geisterradler einen komplizierten Bruch des Kniegelenks, dessen Folgen ich noch nach mehr als 25 Jahren spüre, wenn auch ständiges Radfahren bisher die mir angekündigten Spätfolgen (Arthrose) hinauszögert. Allerdings fahre ich selbst auch manchmal kurze Abschnitte in die falsche Richtung, z.B. wenn der Autoverkehr so stark ist, dass ich nicht gleich auf die richtige Seite komme oder wenn ich nur ein kleines Stück vor dem Abbiegen zurückzulegen habe oder wenn bei dem Ziel, welches erreicht werden soll, keine Auffahrt ist und einige Meter zu überbrücken sind. In diesen Fällen aber mache ich allen entgegenkommenden Radfahrern Platz und halte notfalls sogar in geschützter Position, z.B. hinter einer Laterne an und ich entschuldige mich, falls ich den anderen trotzdem behindere. Die angesprochene Mentalität der Hamburger Radfahrenden ist leider bei mir insoweit nicht ganz abtrainiert und sie verbietet mir, abzusteigen und zu schieben.

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  2. Schöner Beitrag.

    Meiner Meinung nach haben wir in Hamburg diese "Egal"-Mentalität, weil die Radfahrer (also auch ich) schlicht jahrzehntellang gelernt haben, dass es besser ist, nach eigenen Regeln zu fahren.

    Wenn ich beim Linksabbiegen an Ampeln immer mindestens zweimal minutenlang warten muss, dann fahre ich eben linksherum, weil ich dann schon rum bin, wenn ich sonst gerade die erste Hälfte geschafft habe. Wenn ich die Fahrbahn nur sehr schwer und gefährlich queren kann oder einen weiten Umweg fahren muss, dann fahre ich eben links.

    Da einen Mentalitätswechsel zurück hinzubekommen, ist schwer und dauert Jahre.

    Ein interessantes Experiment ist es auch, sich mal wirklich an alle regeln zu halten. Ich bin dieses Jahr schon dreimal übelst bepöbelt wirden, weil ich an einer Ampel nicht in die Kreuzung eingefahren bin, die nicht frei war. Diese seltsame Art gibt es in HH m.E. bei allen.

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  3. Ich habe mir in den letzten Monaten mehrfach den Radverkehr und die Anlagen in Kopenhagen angesehen. Ja, es ist eine komplett andere Mentalität dort, das hat m:E. auch nichts mit den bisher hier vorhandenen Verkehrsanlagen zu tun. 'Die Dänen' sind von der Mentalität einfach viel gemütlicher ('hyggelig'), disziplinierter und aufmerksamer. Hier sind die Menschen im Verkehr deutlich kleinlicher, aggressiver und egoistischer ("Ich will hier jetzt durch/parken/stehen/wasweißich). Das zieht sich einfach quer durch die Gesellschaft, daher sind weder Radler noch Autofahrer noch Fußgänger anders oder besser.

    Manche Situation ist sicher auch auf die baulichen Verhältnisse zurückzuführen. Die Kopenhagener Radwege sind ja vielfach baulich sowohl von der Straße als auch vom Fußweg durch Borde abgetrennt. Da merkt jeder Verkehrsteilnehmer, dass er sich auf seinem oder eben nicht auf seinem Weg befindet. Durch die schiere Menge der Radler in Kopenhagen ist natürlich auch der Autofahrer viel aufmerksamer, da er immer mit welchen rechnen muss. Da fehlt hier wohl noch die Masse, um im Bewußtsein der Kfz-Fahrer fest als gleichrangiger Verkehrsteilnehmer verankert zu sein.

    Apropos Kopenhagen: So hoch gelobt, wie die Stadt immer wird, kochen natürlich auch die Dänen nur mit Wasser. Viele Lösungen dort würden hier zu Protesten führen. Seien es z.B. die nahezu ausschließlich genutzten "Felgenkiller" in Abstellanlagen (u.a. aus Platzgründen bevorzugt), Bushaltestellen die direkt auf den Radweg entladen oder auch das indirekte Linksabbiegen an Kreuzungen. Aber auch mit solchen Unzulänglichkeiten wird dort irgendwie lockerer umgegangen.

    Ein bisschen Verlier scheint mir dabei der Fußgänger in Kopenhagen zu sein, die Fußwege, oft noch durch Massen an parkenden Rädern eingeengt, sind meist recht schmal ausgeführt. Auch an Baustellen gab es z.T. Durchfahrmöglichkeiten für Kfz und einen breiten Radweg, nur der schwache Fußgänger durfte einen recht langen Umweg machen.

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    1. Alles hat seine Vor- und Nachteile, jede Stadt eine andere Verkehrskultur. Statt der Bushaltestellen am Radweg in Kopenhagen hatte Hamburg jahrelang auf Busbuchten gesetzt. Der Vorteil der Kopenhagener Lösung: Wartende ÖV-Gäste blockieren nicht den Radweg, bei der Busbucht in Hamburg ist oftmals der Radweg aufgelöst, ein Kombiweg angeordnet. Wartende ÖV-Gäste stehen dann den Radlern mitten im Weg, solange noch kein Bus da ist. Schlimmer noch die neuesten Hamburger Lösungen entlang der Luruper Hauptstraße, einer breiten vierspurigen Ausfallstraße, wo es zwar für Hamburger Verhältnisse recht breite Radwege gibt, diese aber an den Haltestellen enden. Radler sollen dort Fußgänger werden, oder grundsätzlich lieber die Fahrbahn nutzen, da die B-Pflicht aufgehoben wurde, trotz der schönen neuen Radwege - mit langen Lücken an den Haltestellen. In Kopenhagen absolut UNDENKBAR! Die Prioritäten sind jeweils unterschiedlich gewichtet. In Kopenhagen würde eher auf ein Wartehäuschen verzichtet, als dass der Radweg an den Haltestellen unterbrochen wäre.

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  4. im Koalitionsvertrag steht ja auch, das es Geld für eine Kampagne geben soll, damit wir im Strassenverkehr alle wieder ganz doll lieb haben. wenn denn hilft!
    Manchmal wünsche ich mir den Winter zurück, denn dann kann man wieder vernünftig Radfahren. Kaum GeisterradlerInnen und keine LahmarschradlerInnen, die bei Rot über die Ampel fahren, um dann erfolgreich die nachfolgenden Radfahrer mit Tempo max. 12km/h auszubremsen. zu den vorherigen Kommentaren: ich bin auch begeistert, wie stressfrei man in Kopenhagen Rad fahren kann und das die Leute warten, damit die Fahrgäste der Busse den Radweg queren können. Hier wäre das undenkbar. erstmal würde sich das PK sträuben, auf dem Radweg eine Haltelinie bzw. einen Mini-Zebrastreifen aufmalen zu lassen, zweitens würden die Radfahrer das ignorieren... diese rabiate rücksichtslose Art haben anscheinend viele (egal ob Radfahrende oder Autofahrende) schon total verinnerlicht. letztens Jahr wurde ich auch von einem Geisterradler vom Rad geholt. das erste, was er gemacht hat, war mich anzupöbeln. Ohne Worte!
    Die Politik sollte mehr wagen, einfach mal Sachen machen und nicht dauernd sich von den PK erzählen lassen, das das lt. STVo nicht möglich sei. schöne Beispiele hier: Chemnitzstraße seit 15? Jahren soll das eine Fahrradstraße werden und jetzt neu die leidige Diskussion Rugenfeld, kein Radfahrstreifen dann lieber 100 Bäume fällen, damit der Radweg für teuer Geld auf dem Bürgersteig geführt werden kann.

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  5. Vor einiger Zeit bin ich mit dem Auto aus einer Tankstellenausfahrt gefahren...rechts gekuckt, kein Fußgänger weit und breit, links gekuckt - Lücke...also nix wie los. Urplötzlich schießt von rechts ein Radfahrer vor meinem Auto lang. Beinahe wäre es passiert...zum Glück nur beinahe. "Falschfahrer" brülle ich noch und bin ein bisschen geschockt. Den hätte ich fast auf die Strasse geschubst....wenn er dann dort vom laufenden Verkehr überrollt worden wäre...nicht auszudenken.

    HIer könnte die Geschichte zu Ende sein...dummer Geisterradler eben. Nur: Der Mann fuhr dort zu recht! Es war halt einer dieser Radwege, die in zwei Richtungen freigegeben sind.

    Alle Welt erklärt immer wieder, wie gefährlich das Fahren auf der linken Seite ist. Nur: Sobald es den Verkehrsplanern irgendwo in den Kram passt ist es plötzlich nicht mehr gefährlich. Selbst auf Radwegen, die die erforderliche Mindestbreite für 2-Richtungsradwege unterschreiten. Alle müßten ja auch umsichtig und rücksichtsvoll fahren...und Autofahrer, die aus Einfahrten kommen würden schon aufpassen. Steht ja schließlich in §1 StVO. Stichwort Bequemlichkeit: Statt ausreichend Querungsmöglichkeiten zu schaffen oder vernünftige Radwege / -streifen auf beiden Seiten, wird etwas hingemurkst und per Schild zum ungefährlichen Ort deklariert.

    Solange Radfahrer mit solchen Inkonsistenzen falsch konditioniert werden, muss man sich über Falschfahrer nicht wundern. Mal darf man links, mal muss man links aber eigentlich darf man es nicht.

    Nach dem Erlebnis mit der Tankstelle meide ich als Radfahrer 2-Richtungsradwege und nehme lieber weite Umwege in Kauf als dort links zu fahren.

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    1. Norderstedt ist ein schönes Beispiel für eine Stadt, in der es innerorts immer noch zahllose einseitige Zweirichtungsradwege oder Zweirichtungskombiwege mit B-Zwang gibt. Eigentlich soll es das gar nicht mehr geben. Marl ist derzeit dabei, einen großen Teil dieser Radwege aufzuheben. Die Radler wollen es noch nicht ganz mitmachen. Wann schaltet Norderstedt endlich um?
      Auch in Hamburg gibt es immer noch einige Zweirichtungsradwege mit oder ohne Benutzungszwang, auf denen der Begegnungsfall nicht möglich ist. Viele solcher Anordnungen sind schon gefallen, es soll noch Widersprüche gegen widerrechtliche Anordnungen geben.

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  6. Mir fehlt bei der Polizei manchmal ein bisschen Ursachenforschung / -beseitigung statt nur abzuzetteln. Wobei das keine Entschuldigung für Falschfahrer sein soll - mich nerven diese auch tierisch. Wenn sich aber die Fahrradstaffel zum Beispiel am Mundsburger Damm postiert, wissen die Kollegen genau, warum ihnen hier viele Falschfahrer ins Netz gehen: 4 Ampeln sind in Höhe Schwanenwik zu meistern, wenn man als Radfahrer korrekt auf die richtige Seite wechseln will. Dass sich das nicht jeder bieten läßt, mag man als bequem bezeichnen...ich glaube aber zumindest ein kleiner Prozentsatz der Falschfahrer ist hier schlicht mit der Verkehrsführung überfordert und weiß überhaupt nicht, wie er von der Außenalster auf die richtige Seite kommen soll.

    Als weitere Motivation hat man dort die dämlichste Bettelampel Hamburgs installiert, deren vorderer Knopf nach dem Drücken mal leuchtet, mal nicht. Ich weiß mittlerweile, warum das so ist...wisst Ihr das auch? ;-)

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    1. Es bleibt die Hoffnung, dass mit dem "Alsterfahrradachsen"-Konzept auch diese Kreuzung verbessert wird.

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  7. Mancherorts gibt es leider keine andere Möglichkeit. Z.B. Überweg Ampel Winterhuder Fährhaus in den Leinpfad. Dort muss man ein kurzes Stück falsch fahren aber ich fühle mich nicht wohl dabei. Deswegen gehe ich es dann sehr defensiv gegenüber den Vorfahrtsberechtigten an.
    Ansonsten wünsche ich mir auch manchmal den Winter/Regen herbei, damit nicht so viele Fahrradfahrer unterwegs sind, die keine Rücksicht nehmen. Dies gilt auch für Bushaltestellen und Überwege bei Grün für Fußgänger. Es sollte doch eine Selbstverständlichkeit sein dort den Fußgängern den Vorrang zu lassen. Ich selber fühle mich trotz der Autofahrer auf der Straße sicherer als auf Radwegen. Diese versuche ich so wenig wie möglich zu benutzen.
    Ich glaube auch, dass viele Regel gar nicht kennen (oder kennen wollen). Z.B. bei für Radfahrer freigegebenen Bürgersteigen denken viele, dass sie dort auch rasen können.

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    1. Müssen Radler dort Geisterradeln? Zumindest ist es straßenverkehrsrechtlich dort nicht erlaubt, also verboten. Kein Radler müsste dort also falsch radeln, und sollte sich imm bewusst sein, die richtig Radelnden sowie Fußgänger nicht zu behindern oder gefährenden. Natürlich ist es nicht schön, wenn die Stadt "Schiebestrecken" im Radverkehrsnetz einplant. Auch in Övelgönne gibt es eine etwa ein Kilometer lange Gehwegstrecke im Verlauf eines ausgewiesenen "Radweges". Auch an vielen Kreuzungen hat sich die Stadt, vor allem die Autoverkehrsplaner, es einfach gemacht, indem sie so tut, als wenn Radler mal eben sich in Fußgänger verwandeln lassen. Auch an Baustellen werden Hamburg immer wieder an diese Unsitte erinnert ("Radfahrer absteigen"), die mit einer "Fahrradstadt" gar nichts gemein hat. Allerdings: Fehlt ein Radweg oder führt die Radverkehrsführung nicht an das gewünschte Ziel, dann müssen Radler die Fahrbahn benutzen. An vielen Stellen gibt es über die Fahrbahn direkte Führungen - nur nicht jeder Radler traut sich das zu.
      Mit dem Ausbau der Veloroute 4, die bislang noch an der Krugkoppel endet, wird hoffentlich auch bald der Übergang von Leinpfad zur Bebelallee einfacher und durchgängig sicher befahrbar.

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