23 Februar, 2015

Kurios: Norderstedts glückliche Radfahrer

Strange: Norderstedt gets two different prizes this year
Aktualisiert am 28.02.2015
© Dirk Michael Deckbar
Auszeichnung des Gewinners beim Fahrradklima-Test durch BMVI-Staatssekretär Rainer Bomba und ADFC-Vorsitzendem Ulrich Syberg: Norderstedts umstrittener Baudezernent Bosse [© Dirk Michael Deckbar]

Viele erinnern sich sicherlich noch an die Auszeichnung der Stadt Norderstedt mit dem "Pannenflicken 2014" für die fahrradunfreundlichste Verkehrsanlage Deutschlands vor einem Monat. In der vergangenen Woche wurde Norderstedt vom ADFC und dem Bundesverkehrsministerium als Gewinnerstadt beim Fahrradklima-Test ausgezeichnet. Die Stadt errang den dritten Platz in der Kategorie "Aufholer" in der Stadtgrößenklasse 50.000 bis 100.000 Einwohner. Wie passt das beides zusammen? Ein Erklärungsversuch von hamburgize.com

Die 75.000 Einwohner-Stadt Norderstedt grenzt im Norden an die Millionen-Stadt Hamburg und gehört zur Metropolregion Hamburg. Mit der längsten U-Bahnlinie Deutschlands ist die fünftgrößte Stadt Schleswig-Holsteins (nach Einwohnergröße) mit Hamburg verbunden. Norderstedt ist keine gewachsene Stadt. 1970 wurde Norderstedt aus den vier Hamburger Vorstadtgemeinden Garstedt, Glashütte, Friedrichsgabe und Harksheide gebildet. Im geografischen Mittelpunkt des neuen Stadtgebildes entstadt der neue Stadtteil Norderstedt-Mitte mit dem Endpunkt der U-Bahn nach Hamburg und dem neuen Rathaus. Im südlichen Stadtteil Garstedt befindet sich ein größeres Einkaufscenter auf der grünen Wiese. Ansonsten hat Norderstedt immer noch in den vier früheren Gemeinden eigene Versorgungszentren. Entlang der langen Straßenzüge in Nord-Süd- und West-Ost-Ausrichtung haben sich Bandstrukturen entwickelt. Entlang dieser Verkehrsachsen ist Radfahren wenig attraktiv und überwiegend nicht regelkonform geregelt.

Konflikte mit Fußgängern und regelwidrige Rad- und Gehwegbenutzungspflichten

Radler aus Hamburg, die die Stadtgrenze queren, treffen auf gleiche und auch andersartig gelagerte Probleme als in der um eine ganze Note schlechter bewerteten Hansestadt (Note 4,3 beim Fahrradklima-Test). In Norderstedt gibt es sehr häufig einseitige Zweirichtungsradwege oder die Benutzungspflicht für Gehwege im Zweirichtungsverkehr. Oftmals ist auch die Trennung zwischen Rad- und Gehweg nicht eindeutig, obwohl es eine Benutzungspflicht für getrennte Rad- und Gehwege (VZ241) gibt. Darüber hinaus sind die Zweirichtungsradwege oftmals nicht einmal für den Gegenverkehr geeignet, weil sie zu schmal sind. Dass die Norderstedter Radler ihre Stadt dennoch beim Kriterium "Konflikte mit Fußgängern" (Note 3,3) positiver bewerten als Hamburg (Note 4,4), muss daher auffallen. Liegt es am Dichtestress in Hamburg, also größerer Anzahl an Fußgängern auf Geh- und Radwegen im Vergleich zum eher beschaulich empfundenen Norderstedt?
Zudem liegt Norderstedt beim Abbau regelwidriger Rad- und Gehwegbenutzungspflichten noch sehr, sehr weit zurück. Radwege von 1,3 Metern Breite dürfen niemals benutzungspflichtig für den Zweirichtungsverkehr sein. Daher wurde vor fünfzehn Monaten dem Rathaus ein Antrag zum Abbau aller regelwidrigen linksseitigen Radwege und Benutzungspflichten von Zweirichtungsrad- und Gehwegen gestellt - bislang noch unbearbeitet.


© hamburgize.com / Stefan Warda
Friedrich-Ebert-Strtaße: Gehwegbenutzungspflicht im Zweirichtungsverkehr. Konflikte mit Fußgängern sind vorprogrammiert, die Benutzungspflicht regelwidrig

© hamburgize.com / Stefan Warda
Ulzburger Straße: Gehwegbenutzungspflicht im Zweirichtungsverkehr. Konflikte mit Fußgänger dürften auch hier alltäglich sein. Der Gehwegbenutzungszwang ist zudem regelwidrig

© hamburgize.com / Stefan Warda
Freidrich-Ebert-Straße: Gehwegbenutzungszwang im Zweirichtungsverkehr, Konflikte mit Fußgängern gehören zum gewollten Alltagsprogramm. Der Gehweg ist nur 1,3 Meter schmal. Der Gehwegbenutzungszwang ist widerrechtlich angeordnet

© hamburgize.com / Stefan Warda
Achternfelde / Friedrich-Ebert-Straße: Gehwegbenutzungspflicht im Zweirichtungsverkehr an einer Bushaltestelle ohne Wartebereich für Fahrgäste. Konflikte mit Fußgänger vorprogrammiert. Übrigens ist der Benutzungszwang widerrechtlich angeordnet

© hamburgize.com / Stefan Warda
Achternfelde / Friedrich-Ebert-Straße: Gehwegbenutzungspflicht im Zweirichtungsverkehr - Verstoß gegen die StVO bzw. VwV-StVO. Tolle Konflikte mit Fußgängern

© hamburgize.com / Stefan Warda
Ulzburger Straße: Auch hier dürften Konflikte mit Fußgängern zum Alltag gehören (VZ240 im Zweirichtungsbetrieb)

© hamburgize.com / Stefan Warda
Ulzburger Straße, VZ241 im Zweirichtungsbetrieb: Ist hier eine Trennung zwischen Rad- und Gehweg erkennbar? Konflikte mit Fußgängern sind so vorprogrammiert


 

Unterbrochene Führungen an Kreuzungen - Umwege für Radler

Ein Problem gibt es sowohl in Hamburg wie auch in Norderstedt. An Kreuzungen werden die Bedürfnsisse von Radlern vernachlässigt. So gibt es in Norderstedt an zahlreichen Kreuzungen nicht an allen Knotenarmen Querungsmöglichkeiten für Radler, um den Autoverkehr zu bevorzugen. Die restlich  vorhandenen Furten sind aber meistens nicht für den Zweirichtungsverkehr zugelassen. Doch fast ausnahmslos alle Radler betätigen sich an solchen Norderstedter Kreuzungen als Geisterradler - und finden dies offenbar sogar gut. In zahlreichen Leserbriefe, selbst von angeblichen Radlern, wurde der ADFC Norderstedt bezüglich seiner Haltung zur Fehlplanung der Kreuzung am Ochsenzoll kritisiert. Radler halten es demnach für legitim an der Kreuzung Ochsenzoll abzusteigen und zu schieben. Ein anderer Leser propagiert das illegale Geisterrradeln um den Kreisverkehr am Ochsenzoll und kritisiert die Kritik des ADFC am Kreisverkehr als übertrieben. So viel Schelte wie der ADFC Norderstedt in den Medien abbekommen hatte wegen der Fehlplanung am Ochsenzoll, gab es für das Pendant in Hamburg nicht in letzter Zeit nicht.


© hamburgize.com / Stefan Warda
"Knoten Ochsenzoll" / Segeberger Straße: Zur Umrundung des Kreisverkehrs, der unmittelbar im Rücken des Betrachters liegt, sollen Radler dank der Stadt Norderstedt einen erheblichen Umweg fahren. Für diesen Umweg benötigen Radler einen Reisezeitstrafzuschlag von 130 Sekunden im Vergleich zur Benutzung der Fahrbahn im Kreisverkehr
Detour for cyclists to cross the roundabout behind the spectator needs 130 additional seconds compared to cycling on the roundabout

Eine Bewertung der Radverkehrsführung an Kreuzungen sieht der ADFC-Test nicht vor, indirekt versteckt sich dieses Problem ggf. in der Benotung für Ampelschaltungen (Note 4,1; Hamburg 5,1), Sicherheit / Gefährdung (Note 3,5; Hamburg 4,6), aber vor allem direkte Verkehrsführung oder Umwege (Note 2,4; Hamburg 3,3). Dagegen beklagt die Polizei in Norderstedt das illegale Geisterradeln als eine der Hauptursachen für von Radlern verursachte Verkehrsunfälle. Offenbar sehen Norderstedts Radler kein Problem beim illegalen Geisterradeln, auch wenn dies durch eindeutig benachteiligte regelwidrige Verkehrsführungen wie fehlende Furten verursacht wird. Kennen sich Norderstedts Radler weniger gut mit den Verkehrsregeln aus als in Hamburg oder ist ihnen das Problem vollkommen egal?


© hamburgize.com / Stefan Warda
Kreuzung Schmuggelstieg / Segeberger Chaussee / Ulzburger Straße / Ohechaussee: Der Radler kann hier leider nur rechts abbiegen. Es fehlt eine Querungsmöglichkeit, um geradeaus die Straße zu queren, um dann in die Ulzburger Straße zu gelangen. Die so autogerecht ausgestattete Kreuzung führt zu massenhaftem Geisterradeln links um die Kreuzung herum. Die Norderstedter Polizei warnt jedoch vor diesen Regelverstößen. Radler, die hier geradeaus in die Ulzburger Straße wollen (siehe nächstes Bild, müssen nach rechts abbiegen, über den "Knoten Ochsenzoll" radeln, dann weit hinter dem Knoten an der Bettelampel die Segeberger Chaussee queren (siehe vorheriges Bild), und dann den ganzen Weg auf der anderen Straßenseite zurückradeln.

© hamburgize.com / Stefan Warda
Vier Kampfradler auf der Kreuzung Ohechaussee / Ulzburger Straße / Segeberger Chaussee / Schmuggelstieg: Der autogerecht ausgebaute Knoten bietet nicht in alle Richtungen Wegebeziehungen für Radler. Die gelbe Markierung zeigt den Weg, den Radler links herum vom Schmuggelstieg kommend im Geisterradlermodus radeln. Eine fahrradfeundliche Stadt würde so etwas nicht anbieten. Die Norderstedter finden es scheinbar trotzdem toll

© hamburgize.com / Stefan Warda
Links eine Kampfradlerin auf dem Gehweg an der Kreuzung Ulzburger / Steindamm (linke Straßenseite ein reiner Gehweg, rechte Straßenseite Gehwegbenutzungspflicht im Zweirichtungsbetrieb): Radler aus Richtung Norderstedt-Mitte, die im Verlauf der Ulzburger Straße der Gehwegbenutzungspflicht folgen und am Steindamm rechts abbiegen wollen, wurden von den Verkehrsplanern nicht berücksichtigt. Auf der anderen Straßenseite gibt es keine Radverkehrsanlagen, der Steindamm hat keine Radverkehrsanlagen. also müssen Radler an der Ampel betteln, beim Warten auf Grün blockieren sie solange den Fuß- und gegenläufigen Radverkehr, dann über die Fahrbahn schieben, auf der anderen Straßenseite bis zur Straßenecke schieben und sich dann in den Mischverkehr einfädeln. Alternativ dürfen Radfahrer - die schließlich keine Fußgänger sind - an der letzten sicheren Gelegenheit vor der Kreuzung den linken Gehweg verlassen und bis zur Kreuzung mit dem Steindamm die Fahrbahn der Ulzburger Straße benutzen. Falls geeignete Querungsmöglichkeiten vor der Kreuzung Steindamm fehlen, kann dies die letzte signalisierte Querungsstelle vorher sein. Selbstverstädlich ist das Abbiegen von norden kommend nach links in den Steindamm über die Fußgängerfurt auch nicht möglich. Auch in dem Fall müssen Radler gemäß StVO rauf auf die Fahrbahn - trotz VZ240 - und direkt links abbiegen
Old school and progressive cycling in Norderstedt at Ulzburger Straße / Steindamm

© hamburgize.com / Stefan Warda
Waldstraße: Puff! Der Radweg löst sich in Luft auf. Ab hier müssen Radler auf die Fahrbahn wecheln. Norderstedter betätigen sich hier aber gern als Kampfradler auf dem anschließenden Gehweg

© hamburgize.com / Stefan Warda
Ulzburger Straße: Peng! Hier endet der benutzungspflichtige Radweg, damit Autos besser parken können



Breite der Radwege

Bei der Breite der Radwege vergeben die Norderstedter die Note 4,1, die Hamburger die Note 5,3. Bewertet man z.B. die neuen Radwege am Knoten Ochsenzoll, die nicht die Mindestbreiten erreichen, oder die zahlreichen einseitigen Zweirichtungsradwege, die zu schmal für den Begegnungsfall sind, dann muss man den Norderstedter Radlern eine Schönung der Probleme oder eine geringere Problemwahrnehmung unterstellen.


© hamburgize.com / Stefan Warda
Friedirchsgaber Weg: Neben den Laternenmasten auf dem Radweg ist Begegnungsverkehr unmöglich. Die Benutzungspflicht ist schon allein aus diesem Grund unzulässig

© hamburgize.com / Stefan Warda
Friedrichsgaber Weg: Der einseitige Zweirichtungsradweg misst 1,4 Meter in der Breite. Der Gegenverkehr von Radlern ist unmöglich, die Benutzunspflicht ist unzulässig

© hamburgize.com / Stefan Warda
Friedrichsgaber Weg: Rechts Grünzeug, links Mülltonne und Laternenmasten. Dazwischen sollen Radler im Zweirichtungsverkehr fahren

© hamburgize.com / Stefan Warda
Ochsezoller Straße: Unzulässige Benutzungspflicht für Zweirichtungsradweg

© hamburgize.com / Stefan Warda
Ochsenzoller Straßer: Benutzungspflichter einseitiger Zweirichtungsradweg bei einer Breite von 1,3 Metern. Der Begegnungsfall zweier Radler ist auf dem Radweg nicht möglich, die Benutzungspflicht ist unzulässig

© hamburgize.com / Stefan Warda
Ohechaussee: Platz zum Nebeneinanderradeln gibt es hier nicht

© hamburgize.com / Stefan Warda
Freidrich-Ebert-Straße: Gehwegbenutzungspflicht mit Zweirichtungsbetrieb - diese Anordnung verstößt allerdings gegen die StVO. Wie sollen sich Radler gegenseitig oder Radler und Fußgänger hier begegnen oder überholen??

© hamburgize.com / Stefan Warda
Ohechaussee: Breiter Radweg geht anders (VZ241)


 

Hindernisse auf Radwegen

Typisch für Norderstedt sind Ampelmasten, Lichtmasten und Schilderpfosten auf Radwegen. Aber auch Bäume engen die Radwege oftmals stark ein. Eine weitere Norderstedter Spezialität sind Drängelgitter, wovon einige immerhin schon abgebaut wurden. Für Hindernisse auf Radwegen gibt es in Hamburg die Note 5,1, in Norderstedt dagegen 3,8.


© hamburgize.com / Stefan Warda
Ulzburger Straße: In Norderstedt verlaufen sich Laternemasten gern auf Radwegen

© hamburgize.com / Stefan Warda
Ulzbruger Straße / Rathausallee: Geschicklichkeitsparcour für Radler

© hamburgize.com / Stefan Warda
Ulzburger Straße / Rathausallee: Zahlreiche Masten schränken den Radverkehr an der Kreuzung ein

© hamburgize.com / Stefan Warda
Ulzburger Straße / Waldstraße: Schlatschrank auf dem Zweirichtungsradweg

© hamburgize.com / Stefan Warda
Segeberger  Chaussee: Laternenmast auf dem Radweg

© hamburgize.com / Stefan Warda
Nur für geübte Radler: Links und rechts mit Stangen abgesteckter Slalomparcour

© hamburgize.com / Stefan Warda
Alter Kirchenweg / Exerzierplatz: Ampelmast auf dem Radweg, sowie Radweg quer über die Aufstellfläche der Fußgänger

© hamburgize.com / Stefan Warda
Drängelgitter am Tarpenbekwanderweg (VZ240) bei der Schleswig-Holstein-Straße

© hamburgize.com / Stefan Warda
Achterbahnradeln auf der Falkenbergstraße

© hamburgize.com / Stefan Warda
Friedrich-Ebert-Straße: Gehwegbenutzungspflicht für den Zweirichtungsbetrieb - grober Verstoß gegen die Regelwerke

© hamburgize.com / Stefan Warda
Ulzburger Straße: Gehwegbenutzungspflicht im Zweirichtungsverkehr um ein Buswartehäuschen herum: Konflikte mit Fußgänger vorprogrammiert


Baustellen

Auch an Norderstedts Baustellen sollen Radfahrer absteigen und schieben. Da gibt es keinen Unterschied zu Hamburg. Doch auch hier wird dieses Problem anders wahrgenommen. In Norderstedt gibt es die Note 4,1, in Hamburg dagegen 5,1. Liegt es an der größeren Anzahl an Baustellen in Hamburg durch Busbeschleunigung und Straßensanierungsprogramm?


© hamburgize.com / Stefan Warda
Baustelle "Knoten Ochsenzoll": Kein Platz für Radler vorgesehen

© hamburgize.com / Stefan Warda
Baustelle Langenhorner Chaussee: Radler müssen vom benutzungspflichtigem Radweg auf die Fahrbahn ausweichen

© hamburgize.com / Stefan Warda
Baustelle Ulzburger Straße: Radler müssen auf die Fahrbahn ausweichen


Norderstedt punktet mit Winterdienst für Radler

Alles in allem handelt es sich beim Fahrradklima-Test um eine Frage der Wahrnehmung, der subketiven Empfindungen. Gleiches kennen wir von der gefühlten Unsicherheit auf der Fahrbahn und der gefühlten Sicherheit auf gefährlichen Radwegen. Nehmen Hamburgs Radler ein Problem deutlicher wahr und benoten dies zutreffend negativ, müssen Norderstedts Radler dies nicht gleich machen. Den "Aufholer"-Preis errang die Norderstedt für einige besser bewertete Kriterien. Norderstedt verbesserte sich in der Gesamtnote von 3,7 auf 3,3 im Vergleich zum vorherigen Test im Jahr 2012. Die Stimmung muss also besser geworden sein. Im Detail betrifft dies u.a. den Winterdienst (+ 1,45 Notenpumkte), die Reinigung der Radwege (+ 0,92 Notenpunkte), Radverkehr an Baustellen (+ 0,63 Notenpunkte), die Ampelschaltungen für Radfahrer (+ 0,42 Notenpunkte), die aktuelle Radverkehrsförderung (+ 0,36 Notenpunkte), die gefühlte Sicherheit auf Radverkehrsanlagen für Jung und Alt (+ 0,29 Notenpunkte), die Akzeptanz als Verkehrsteilnehmer (+ 0,27 Notenpunkte), weniger Hindernisse auf Radwegen (+ 0,25 Notenpunkte) sowie das Leihradsystem (+ 0,24 Notenpunkte). Dagegen soll die Werbung für den Radverkehr nachgelassen haben (- 0,41 Notenpunkte).


© hamburgize.com / Stefan Warda
Fahrradstadtplan Norderstedt: Dies soll eine Radverkehrsverbindung sein


Seit Dezember 2012 gibt es in Norderstedt einen mehr oder weniger gut ausgeführten Winterdienst auf 150 Kilometern Radwegen - ohne zusätzliche Haushaltsmittel für die Betriebe der Stadt. Die positivere Bewertung stimmt also mit der Realität überein. Der relativ neue Winterdienst drückt sich vermutlich ebenso in der Zunahme der Zufriedenheit bei der Reinigung der Radwege aus. Baustellen sollen weniger verkehrsbehindernd für Radfahrer sein. Im Bewertungszeitraum gab es allerdings katastrophale Verkehrsführungen für Radler während der Bauarbeiten rund um den "Knoten Ochsenzoll". Radler sollten währenddessen lange Strecken schieben. Inwiefern sich Ampelschaltungen für Radler verbessert haben lässt sich kaum beurteilen. Eine Grüne Welle für Radler gibt es nicht, neue radfahrerfeundliche Schaltungen wurden nicht installiert. Zumindest aber sind Radler am umgebauten "Knoten Ochsenzoll" nicht mehr von Ampeln betroffen. Im Bewertungszeitraum sollen die Aktivitäten der Stadt für den Radverkehr zugenommen haben. Real wurde am Unfallschwerpunkt Nummer Eins Ulzburger Straße / Waldstraße eine Ampel installiert. Zudem bekamen die Norderstedter eine Verlängerung der Grünverbindung entlang der Bahn in Richtung Friedrichsgabe (AKN-Strcke) und eine weitere Grünverbindung nach Glashütte. Auch der Umbau des "Knoten Ochsenzoll" fällt in den Bewertungszeitrahmen. Inwiefern Radler vermehrt als Verkehrsteilnehmer akzeptiert werden ist schwer zu erklären. Zumindest wurde z.B. in der Tannenhofstraße die gegenläufige Gehwegbenutzungspflicht aufgehoben und durch ein Radfahrrecht bei Schritttempo ersetzt. Radler tauchen nun wohl in einigen wenigen Nebenstraßen vermehrt auf der Fahrbahn auf. Zu den Verbesserungen bezüglich der Hindernisse auf Radwegen ist der Abbau einiger Drängelgitter zu verbuchen. Das Leihradsystem wurde 2012 in Norderstedt mit anfangs sehr wenigen Stationen eingeführt - im gleichen Jahr, in dem der Klimatest abgefragt wurde. Seitdem wurde das System nachverdichtet. Die positivere Wahrnehmung trifft also zu. Ein Nachlassen der Werbung für den Radverkehr lässt sich nicht erklären. Die Stadt hat das Thema Radverkehr auf ihrer Homepage integriert und wirbt für sich als Fahrradstadt. U.a. wurde ein Fahrradstadtplan herausgegeben. Den größten Anteil an Erringung der "Aufholer"-Auszeichnung hat der 2012 eingeführte Winterdienst. Daher gebührt dem Leiter des Norderstedter Betriebsamtes der Verdienst um die Auszeichung.


ADFC-Fahrradklima-Test baut auf rein subjektive Wahrnehmungen

Norderstedts Radfahrer scheinen einfach nur die glücklicheren Menschen zu sein, verglichen mit Hamburgs Radlern. Das Ergebnis der Bewertung der Zustände in Norderstedt hat eher weniger mit der Realität vor Ort zu tun. Dies mag einer der Nachteile des Fahrradklima-Tests zu sein. Die Teilnehmer bewerten ihre Stadt nicht im Vergleich mit anderen Städten, sondern nur bezogen auf ihre eigene Stadt. Dass Bochum als extrem fahrradunfreundliche Stadt nur unbedeutend schlechter abschneidet als Hamburg scheint unverständlich. Dass Essen sogar besser abschneidet als Hamburg scheint ebenso wenig nachvollziehbar. Eine weitere Einflußgröße für die Bewertungen der Teilnehmer mag die Öffentlichkeitsarbeit der Radverkehrslobby vor Ort sein. Fährt die Radfahrerlobby einen gemäßigten Schmusekurs mit der Verwaltung und den Politikern oder vertritt sie kritischere Positionen? Ist den meisten Radlern vor Ort das Thema regelwidriger Radwegbenutzungspflichten bewusst? Unterstützt die Radfahrlobby z.B. Klagen gegen regelwidrige Radweganordnungen? Wie gut sind die Radler über den führenden Verband hinaus organisiert? Ein weiterer Nachteil des Klimatests sind die Fragestellungen. Manche Problemstellungen werden durch die Fragen leider nicht direkt abgedeckt. Unter welcher Frage sollten Radler die Stadt Norderstedt für den vermurksten Kreisverkehr am Ochsenzoll abstrafen? Für die Millionen, die für den Umbau der Kreuzung ausgegeben wurden, hätte Norderstedt schließlich alternativ eine fahrradfreundliche Kreuzung bauen können. Eines scheint aber für Norderstedt zu sprechen: 19% der Wege werden mit dem Rad bewältigt, ein beachtlicher Wert. In Bochum hat es einen Radfahreranteil von 6%, in Hamburg mögen es derzeit etwa 13% sein, in Essen dagegen nur 5%. Wäre Essen fahrradfreundlicher als Hamburg, müsste es dann nicht auch einen höheren Radverkehrsanteil geben?

Auch in Heiligenhaus (Niederbergisches Land) scheint es eine Disparität zwischen der ADFC-Auszeichnung und der Auffassung örtlicher Radverkehrsexperten zu geben. Alltagsradler sehen Heiligenhaus als fahrradunfreundliche Stadt, Sonntagsradler finden Heiligenhaus wegen des recht neuen "Panoramaradweges" besonders fahrradfreundlich. Der örtliche ADFC-Experte Lothar Nuthmann hat da konkrete Zweifel an der Auszeichnung.

Ich sehe Heiligenhaus nämlich als Autofahrerstadt und im höchsten Maße fahrradunfreundlich. Für mich ist diese Auszeichnung nicht gerechtfertigt.

Heiligenhaus erhielt den ersten Preis unter den "Aufholern" in der Städtekategorie bis zu 50.000 Einwohnern. Haben mehrheitlich Freizeitradler, die überwiegend nur auf der ehemaligen Bahntrasse radeln, oder Alltagsradler, die täglich auf dem Weg zur Arbeit oder zur Ausbildung durch die Innenstadt radeln, in Heiligenhaus abgestimmt? Welche Zielgruppe wurde von der Radfahrlobby zur Teilnahme am Fahrradklima-Test mobilisiert? Oder hat gar die Kommune selbst starke Werbung für den Test gemacht und eine andere Klientel erreicht als der ADFC?

Daten und Fakten zum ADFC-Fahrradklima-Test 2014

Der ADFC-Fahrradklima-Test ist die größte Befragung zum Radfahrklima weltweit und wurde im Herbst 2014 zum sechsten Mal durchgeführt. Der Fahrradklima-Test wird gefördert vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans.
Über 100.000 Menschen stimmten ab – eine Steigerung von 25 Prozent gegenüber dem letzten Test im Jahr 2012. Die Zunahme führt der ADFC auf das wachsende Interesse am Thema Fahrrad und Radverkehr zurück. 468 Städte kamen in die Wertung (im Vergleich: 332 in 2012). Für Norderstedt gaben 214 Teilnehmer ihre Stimme, für Heiligenhaus 65, für Hamburg 2139.



Mehr . . . / More . . . :
.

Kommentare:

  1. Ich bin jemand, der die letzten 2 Jahre regelmäßig von Norderstedt(Friedrichsgabe) nach Hamburg mit dem Fahrrad gependelt ist. Bei schlechtem Wetter des öfteren aber auch nur bus zur UBahn in Norderstedt Mitte. Was den Weg durch Norderstedt angenehmer macht, sind die direkten Verbindungen außerhalb der Autostraßen. Beispielsweise kann ich von der Friedrichsgaber Straße ohne Probleme mit nur einer Querung (Waldstraße) bis zur Ubahn in Norderstedt Mitte auf reinen Rad/Gehwegen von meistens aktzeptabler Qualität fahren. Auch ein Winterdienst findest statt.
    In Norderstadt Mitte wird seit letzten Monat auch ein Neues Fahrradparkhaus gebaut, da das alte ständig überfüllt war.

    Was ich damit sagen will: Es git unglaublich viele Baustellen und unnötige Probleme, gerade über die "Fahrrad"-Übergang bei der AKN Haltestelle in Friedrichgabe habe ich mich selbst schon amüsiert. Allerdings hat man aktuell das Gefühl, dass sich etwas bewegt. Sei es das neue Fahrradparkhaus, sei es der neu gepflasterte Weg im Park mit hoher Raddichte oder das Leihradsystem. es ist ein spürbarer Unterschied zu Norderstedt vor 2 Jahren.

    AntwortenLöschen
  2. Bravo Stefan Warda und Hamburgize, einfach bravo!

    So viel Schrott in einer einzigen Stadt, das gibt es anderswo nicht mal im ganzen Bundesland!!

    Weiter so!!!

    Gruß, Ralf Epple

    AntwortenLöschen