13 September, 2014

"Grob geschätzt kann wohl ein Drittel der Radwege weg"

"About one third of cycle tracks can be done away"

© hamburgize.com / Stefan Warda
Noch eine "Radweg"-Überprüfung für die Holtenklinker Straße?

Hamburg wirbt gern mit einem vorhandenen "Radwege"-Netz von etwa 1800 Kilometern Länge. Die Zahlen varieren je nach Interpretation. Heute berichtet das Abendblatt von noch 1500 Kilometern Radwegenetz. Dieses angebliche "Radwegenetz" ist u.a. als Gradmesser der Radverkehrsfreundlichkeit der Hansestadt im nationalen oder internationalen Vergleich oder für Bewerbungen um "Umwelthauptstadt"-Auszeichnungen herangezogen. Doch tatsächlich existiert dieses Radwegenetz nur auf dem Papier - sozusagen ein virtuelles Radwegenetz. Tatsächlich sind viele Kilometer des Netzes unbenutzbar für den Radfahrer. Radfahrer ärgern sich über dauerhaft zugwachsene Fake-"Radwege", dauerhaft zugeparkte Fake-"Radwege", die nach den Regeln der Straßenverkehrs-Ordnung und der Rechtsprechung nicht benutzt werden können. Solange Radwege für den Autoverkehr eingerichtet wurden, um Radfahrer fern der Fahrbahnen zu halten und damit Vorrang für den Autoverkehr im Stadtverkehr nach dem Leitbild der autogerechten Stadt zu schaffen, war der Einsatz des Fake-"Radwegs" ein willkommenes Mittel den Radverkehr an die kurze Leine zu nehmen. Für die Hamburger Handelskammer galt der Radverkehr jahrelang ohnehin nur als Freizeitverkehr. Eine Tüte Milch, die mit dem Fahrrad transportiert wurde, war eine Freizeitangelegenheit, eine Tüte Milch, die mit dem Auto gefahren wurde, galt als Wirtschaftsverkehr. Und für den als notwendig für das Wohlergehen der Stadt erachteten Wirtschaftsverkehr mussten Fahrbahnen, Ampeln und Stehzeugflächen immer bedarfsgerechter manipuliert werden.


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Holtenklinker Straße

Schon wieder Radwege-Check

Nach und nach müssen auch Behördenleiter zugeben, dass das Prinzip Fake-"Radweg" nicht aufgeht, wenn immer mehr Menschen das Fahrrad als Verkehrsmittel wählen und immer mehr Radfahrer selbst für mehrspurige Hauptverkehrsstraßen den Radwegezwang in Frage stellen und vor das Verwaltungsgericht gehen. Nun haben zum wiederholten Male Hamburgs Behörden angekündigt alle Radwege zu überprüfen. Gegenüber dem Abendblatt sagte Staatsrat Andreas Rieckhof: "Grob geschätzt kann wohl ein Drittel der Radwege weg".


Das Ende des Fake-Radwegs in Hamburg?

Doch was wird die Alternative für die beseitigten "Radwege"? Radfahren auf Gehwegen oder auf der Fahrbahn im Mischverkehr oder die Anlage von Schutz- oder Radfahrstreifen?

Für die Langenhorner Chaussee ist geplant die unbenutzbaren Fake-"Radwege" den Gehwegen zuzuschlagen und das Radeln dort anzuordnen - auch wenn es Konflikte mit Fußgängern geben wird.

Fahrradstraßen entlang der Außenalster sollen demnächst zu schmale Radwege ersetzen. Noch dieses Jahr soll am Harvestehuder Weg zwischen Fontenay und Krugkoppel eine Fahrradstraße eingerichtet werden. Im Verlauf der Veloroute 4 wäre dann ein Winterdienst möglich, denn bislang wurde zum Schutz der Bäume im Alstervorland der Radweg im winter nicht ausreichende geräumt. Zudem wäre ganzjährig der Konflikt auf dem zu schmalem Radweg entspannt, ein Radweg, der in Kopenhagen wegen seiner Breite lediglich als Einrichtungsradweg genügen würde.

In der Feldstraße sollen Radler und Linienbusse sich eine breite Busspur teilen.

Radfahrstreifen wurden bislang schon am Baumwall oder der Alsterkrugchausse als Ersatz für frühere Fake-"Radwege" eingerichtet, weitere sollen am Neuen Kamp und der Feldstraße folgen.

Schutzstreifen wurden beispielsweise am Hofweg, der Dorotheenstraße und der Weidestraße als Ersatz für das vorher vorgeschriebene Gehwegradeln und schmale Fake-"Radwege" eingerichtet. Viele Radfahrer bewerten die Schutzstreifen eher als Gefährdungsstreifen, da sie wie in der Weidestraße dicht eingezwängt zwischen rechts parkenden Fahrzeugen und links zu knapp überholenden Fahrzeugen fahren müssen.


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Holtenklinker Straße

Solange der Autoverkehrsfluss nicht gestört werden soll bleibt die Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht eine vorläufige Lösung für Straßen wie Hoheluftchaussee, Eppendorfer Baum, Beim Schlump und andere. Hier fahren Radfahrer wegen verschiedenen Gründen dauerhaft neben den Fake-"Radwegen" auf den ohnehin schmalen Gehwegen, zum Leidwesen der Fußgänger. Ob es in solchen Straßen tatsächlich mal eine andere Lösung geben wird als vorgetäuschte "Radwege", die kein Radler benutzt? Wenn Verkehrsplaner und Straßenverkehrsbehörden ihre Arbeit enrsthaft betreiben würden, müssten sie Radwege wie am Eppendorfer Weg oder Beim Schlump stilllegen. Doch dann bleibt vorerst nur das Radeln im Mischverkehr, weil vor allem Parkplätze wichtiger gewichtet werden als separate Wege für den Radverkehr. In der Heimfelder Straße wurden Radwege zugunsten von Stehzeugen abgebaut.


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Schon mehrfach haben die Behörden seit 1997, seit der Änderung der Straßenverkehrs-Ordnung bezüglich der Radwegbenutzungspflicht, die Radwege irgendwie überprüft. Mehrmals genügten offenbar weiterhin die vorhandenen Fake-Radwege den Interessen der Verkehrsplaner. Wird Hamburg diesmal tatsächlich von den Fake-Radwegen befreit?




Die Beseitigung der Fake-"Radwege" wäre nur ein erster Schritt zu einer fahrradfreundlicheren Metropole. Langfristig braucht es mehr separate Wege für Radler, um allen Menschen das Radfahren angenehm und akzeptabel zu ermöglichen. Verkehrsexperte Klaus Bondam aus Kopenhagen empfiehlt den Hamburgern an allen Hauptstraßen Radwege einzurichten. Doch dazu müssen die Hamburger noch über ihren Schatten springen, denn bislang werden Radwege beseitigt um Parkplätze zu erhalten, nicht umgekehrt. Klaus Bondam: „Man muss Parkplätze abgeben, um Radwege zu schaffen. Man kann nicht alle glücklich machen.“


Beispiel Holtenklinker Straße

Bislang war die Stadt höchstens in der Lage Radwegbenutzungspflichten aufzuheben. Das Kampfparken auf Radwegen zu unterbinden scheint sie nicht in der Lage zu sein. Als Paradebeispiel für dieses Dilemma sei die Holtenklinker Straße in Bergedorf angeführt. Einerseits ist das Parken unmittelbar neben den schmalen Radwegen regelwidrig legalisiert, ohne dass ein ausreichenden Sicherheitsabstand auf dem "Radweg" zu den Stehzeugen eingehalten werden könnte, andererseits wird seit Jahrzehnten das Kampfparken auf und neben den "Radwegen" geduldet. Die Straßenverkehrsbehörde ist informiert, reagiert aber nicht. Es werden weder Absperrelemente eingebaut, die das Kampfparken verhindern würden, noch wird abgeschleppt oder verwarnt. Das Resultat: Wegen der immer noch halbwegs erkennbaren "Radwege" fahren Radler neben den unbenutzbaren Fake-"Radwegen" auf den Gehwegen - geduldetes Kampfradeln. Noch stellen sich die Behörden blind, wenn Radler auf Gehwegen neben Fake-"Radwegen" fahren, aber Radfahren auf Gehwegen ohne Radwege wird geahndet.




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Straßenverkehrsbehörden lieben Stehzeuge: Regelwidrig legalisiertes Parken am Radweg. Der Radweg bietet dadurch keinen erforderlichen Sicherheitsabstand zu den Fahrzeugen und kann daher nicht benutzt werden


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Kommentare:

  1. Endlich passiert mal was wegen der Fake-Radwege. Ich hoffe, daß nach der Begutachtung wirklich taten folgen und die Radwege abgebaut werden oder mal Parkplätze weichen müssen.
    Das Problem beim fahren auf der Fahrbahn neben nicht benutzungspflichtigen Radwegen oder schlimmer noch benutzungspflichtigen, die nicht benutzbar sind, ist das aggressive Verhalten der Autofahrer. Als ich einmal Sonntags es gewagt habe auf der 4 spurigen B73 zu fahren, da der Fuß und Radweg bei einem Umzug zugeparkt waren, musste ich mir wildes Gehupe, Gestikulieren und Schneiden gefallen lassen, obwohl das Verkehrsaufkommen sehr gering war und nicht ein Autofahrer behindert wurde. Daher fahre ich dort lieber neben dem Radweg, außerhalb der Dooringzone auf dem Fußweg.
    Gleiche Beobachtungen machte Herr Basler: http://fahrradzukunft.de/2/fahren-neben-radwegen/

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  2. Ein Drittel nur? Wovon träumt der Herr denn Nachts?

    Besser wäre allerdings, wenn Parkplätze und Bäume wegkämen. Das würde wirklich mal Platz für den fließenden Verkehr, d.h. in diesem Fall den Radverkehr schaffen. Ob man den Platz dann mit Radwegen oder Schutzstreifen füllt, kann man dann immer noch entscheiden.

    Und irgendwie sähe das Ergebnis so aus wie in vielen Hauptstraßen Kopenhagens.

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