09 Oktober, 2012

Hamburgs Radwege 2002 - 2012

Hamburg cycle tracks 2002 - 2012

hamburgize.com
Hamburger Abendblatt, 8. Oktober 2012


Heute schauen wir ins Hamburger Abendblatt und vergleichen die Berichterstattung zu Hamburgs Radwegen 2012 und 2002.

Hamburg 2012: 1.700 Kilometer größtenteils kaputte und zu enge Radwege, das ist die Bilanz des Hamburger Abendblattes im Oktober 2012 mit einer bemerkenswerten Grafik auf der Titelseite. Ein weißes Fahrrad auf blauem Grund, wie wir es von den blauen Radweg-Verkehrszeichen kennen, die den Benutzungszwang für die meist üblen Radwege anordnen, prangt dort auf der ersten Seite. Die zwei Räder des Räder sehen auf den ersten Blick stark demoliert aus, offensichtlich wie nach einem Einsatz auf den Hamburger Radwegen. Auf den zweiten Blick erkennen wir an der Form der Räder die Umrisse des Hamburger Staatsgebietes.
"Bei der Instandsetzung des Radverkehrsnetzes gibt es erheblichen Nachholbedarf."
Die für die Hamburger Radverkehrspolitik zuständige Wirtschaftsbehörde wird zitiert: "Bei der Instandsetzung des Radverkehrsnetzes gibt es erheblichen Nachholbedarf." Kritik gibt es aber nicht nur an der Vernachlässigung der Infrastruktur, sondern auch an der Art und Weise der Bausausführung sowie an Lücken im Radverkehrsnetz. So sei die Hafencity schlecht an die umgebenden Stadtteile angeschlossen, auch sei die Ausführung der Radwege in der Hafencity nicht optimal. Mit den dortigen Designradwegen sei "keine ausreichend gute Lösung entstanden". Doch nicht nur in der Hafencity gibt es Designradwege, auch am Jungfernstieg, dem Wandsbeker Markt, rund um die Messe, oder vor der Spielbank am Stephansplatz.

Hamburg braucht eine ernsthafte Fahrrad-Politik - und nicht nur Ankündigungen 

Überhaupt sind Kennzeichen der Hamburger Radverkehrspolitik die vielen Ankündigungen, denen keine Taten folgen. Ende der neunziger Jahre sollte ein Veloroutennetz für ganz Hamburg entstehen, dessen Umsetzung ab 2001 vorerst eingestellt wurde. 2008 haben sich alle Bürgerschaftsfraktionen erneut auf die Verwirklichung des Veloroutennetzkonzept verständigt. Bis 2015 sollten alle Routen ausgebaut werden, doch daraus wird nun nichts mehr. Auch will der Senat nicht das Ziel verfolgen den Radverkehrsanteil bis zum Jahr 2015 auf 18% zu erhöhen.

Radverkehr 2012? Ganz generell zählt Radverkehr in Hamburg bei Politikern und Planer, aber auch bei Autofahrer weiterhin nicht zum Verkehr zu gehören. Radwege werden zugeparkt, weil so der Verkehr nicht behindert wird, an Kreuzungen wird der Radverkehr vollkommen umständlich und zeitaufwändig geführt, damit der Verkehr - also der Autoverkehr - nicht behindert wird. 

Hamburger Abendblatt, 04. Oktober 2002: "Nehmen Sie sich ein Beispiel an diesem Fahrradfahrer - er hat sich verkehrsgerecht verhalten!"

Hamburg 2002: Hamburgs Radwege "gleichen Geländestrecken in der Walachei". Andererseits gab der Senat damals Geld aus für die große Entpollerung Hamburgs, den Rückbau von Busspuren, neue Parkscheinautomaten, Grünpfeile, usw. Das Hamburger Abendblatt beueichnete die damalige Situation als "Verhöhnung der Radfahrer". Trotz der unbenutzbaren Rüttelstrecken Radfahrer sollten Radfahrer weiterhin diese benutzen, denn gerade zuvor hatte der Senat Unmengen an Geld ausgegeben für die vielen blauen Radwegschilder, über die wir uns heute immer noch an vielen Straßen ärgern.

Ein unsicherer Radweg sei immer noch sicherer als die Straße.
2002 wollten die Straßenverkehrsbehörden Radfahrer "aus Sicherheitsgründen" auf keinen Fall auf die Fahrbahnen lassen, selbst wenn Radwege unbenutzbar waren. So argumentierte damals der Leiter der Straßenverkehrsbehörde, die für den Mittelweg zuständig ist. Später wurde dann allerdings doch die Benutzungspflicht für den "Radweg" im Mittelweg entlang der Moorweide in Richtung Dammtorbahnhof aufgehoben. Doch damit hält sich die Straßenverkehrsbehörde weiterhin nicht an die Straßenverkehrs-Ordnung. Denn in dem Abschnitt gibt es eine Busspur am rechten Fahrbahnrand. In solch einem Fall ist es laut der StVO zwingend erforderlich, dass Radfahrer entweder die Busspur mitbenutzen dürfen, oder aber sie müssen auf einem Radweg oder einer anderen Radverkehrsanlage geführt werden. Auf keinen Fall sollen Radfahrer die Fahrstreifen links von der Busspur benutzen dürfen. Doch genau dies ist im Mittelweg an der Moorweide möglich. Eigentlich müsste die Straßenverkehrsbehörde jetzt sofort unverzüglich handeln und Radfahrer auf die Busspur lassen, oder aber der Bezirk sofort einen sicheren und benutzbaren Radweg bauen, oder aber die Busspur wieder aufheben lassen. Übrigens gilt in Gegenrichtung stadtauswärts zwischen Neue Rabenstraße und Fontenay immer noch die Radwegbenutzungspflicht, vermutlich wegen immer noch nicht umgeschalteter Ampeln, bei denen die Räumzeiten an den Radverkehr angepasst werden müssen.

Damals wie heute gab es keine ausreichenden Mittel die vorhandenen Radweg zu unterhalten. 2002 wurde allerdings besonders deutlich, welche Einstellung verantwortliche Behördenleiter zu unbenutzbaren Radwegen hatten. Es wurde einfach davon ausgegangen, dass Radfahrer dann illegal verboteneerweise auf den angrenzenden Gehwegen fahren. Doch tatsächlich mussten damals wie heute auch Radfahrer bei unbenutzbaren Radwegen auf die Fahrbahnen ausweichen. Doch die Behördenvertreter haben damals die Situation heruntergespielt, wie es einige Behördenvertreter auch heute noch machen. Stimmen der Behördenvertreter:

Es ist ja wohl kein Drama, wenn man mal über einen Grashalm fährt.
Wir haben Verhältnisse wie im Dschungel.
Das Grün explodiert förmlich.
Es wuchert, und wir kommen mit dem Rückschneiden nur schwer hinterher.
Das Geld ist knapp, aber bei uns wird regelmäßig geschnitten . . . Doch die Unwetter haben die Arbeiten behindert
Die Radfahrer auf die Straße zu leiten ist für die Verkehrssicherheit nicht optimal
Völlig überzogen nennt Altonas Baudezernent Reinhold Gütter die Forderung des ADFC. "Ich habe vom ADFC beanstandete Wege abgefahren und keine gravierenden Behinderungen festgestellt", sagt Gütter. Falls die Sicherheit von Radfahrern betroffen sei, werde sofort zurückgeschnitten - obwohl der Etat für die Grünflächenpflege ausgeschöpft sei. Gütter übt Kritik: "Hinter der Aufregung des ADFC steckt deren generelles Bemühen, vom Radweg auf die Straße zu kommen."

2002 forderte der ADFC angesichts der Unfähigkeit der Behörden das Radwegenetz zu unterhalten "Teile des Radwegenetzes stillzulegen. Es sei für Radfahrer an vielen Stellen besser auf der Straße zu fahren als auf Radwegen mit wuchernden Büschen und Ästen." Urkomisch wirken die Aussagen der Behördervertreter, dass urplötzlich vollkommen unerwartet in Hamburg das "Grün expoldiert" sei. Das muss damals etwas vollkommen Ungewöhnliches gewesen sein, und den Behördenvertretern all die Jahre zuvor nicht unterlaufen war. War Hamburg all die Jahre vorher kahl gewesen?

Und wie sah es 2002 mit der Erneuerung der Radwege aus? Zwar hatte der Senat damals das Geld für den Radwegeetat so kanpp zusammengestrichen wie kaum jemals. Aber es wurde damals dennoch gebaut. Ein Beispiel aus der Berichterstattung:

Alles eine Frage des Geldes also? Nicht ganz. An der Papenhuder Straße wurde vor kurzem ein benutzungspflichtiger Radweg komplett erneuert. Der neue Weg ist mit einer Breite von nur einem Meter allerdings viel zu schmal.
Der damals weiterhin benutzungspflichtige Radweg in der Papenhuder Straße wurde von 80 cm auf einen Meter verbreitert, er hätte aber wegen der fortbestehenden Radwegbenutzungspflicht auf wenigstens 1,5 Meter ausgebaut werden müssen oder aber die Radwegbenutzungspflicht aufgehoben werden müssen.  Erst Jahre später entfiel die Radwegbenutzungspflicht. Der Radweg ist heute noch vorhanden, aber weiterhin kaum benutzbar und wurde nicht wie im angrenzenden Hofweg durch neuere besser benutzbare Schutzstreifen ersetzt.

Fazit: Lösungen fehlen bis heute. Es gibt weiterhin unbenutzbare benutzungspflichtige Radwege, wie z.B. an der Langenhorner Chaussee, der Alsterkrugchaussee oder der Hummelsbütteler Landstraße, aber auch nicht mehr benutzungspflichtige unbenutzbare Radwege, wie in der Hammer Straße oder der Osterstraße verbleiben ohne Folgen. Dieser Zustand ist illegal, denn eigentlich müssten alle unbenutzbaren Radwege konsequent aufgelöst und gesperrt werden und somit dadurch neue Lösungen für einen zukunftsfähigen Hamburger Stadtverkehr für alle betroffenen Straßen gesucht werden. Das wurde über die vergangenen Jahren von allen Senaten verschlafen. Die wenigen neuen Radfahr- und Schutzstreifen reichen leider bei weitem nicht aus. Und leider gibt es weiterhin vollkommen unzeitgemäße und unbrachbare neue Radwege.


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